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Kleiner Walzer durch die Geschichte

"In diesem unflätigen Tanz nimmt der Tänzer mit einem Sprung der Junfgrau wahr, und greift sie an einem ungebührlichen Ort, da sie etwas von Holz oder anderer Materie hat machen lassen, und wirft die Jungfrau und sich selbst hoch in die Luft, also daß der Zuschauer meinen sollte, daß der Tänzer mit der Tänzerin nicht wieder zur Erde kommen könne, sie hätten denn beide ihre Hälse und Beine gebrochen."

Der badische Gelehrte Johann von Münster, der mit diesen Worten 1594 gegen den "wilden Weller" wettert, war beileibe nicht der einzige: Unzählige Sittlichkeitsappelle und Tanzverbote haben den Drehtanz im 3/4 Takt, der später als Walzer die Welt erobern sollte, vom Anfang des 15. Jahrhunderts bis fast in unsere Zeit begleitet. Noch früher hatte ihn das Volk als bäuerlichen Werbetanz im österreichisch-süddeutschen Raum gekannt, wo er wahrscheinlich überhaupt entstanden ist. Die gemeinsame Drehung und Umschlingung des Paars war damals jedoch nur der Höhepunkt des Tanzes, dessen sonstige Figuren getrennt getanzt wurden.
In der mittelalterlichen Ständegesellschaft tanzten Volk und Adel streng getrennt. Dennoch fand im 16. Jahrhundert der Drehtanz unter der Bezeichnung "Volte" vorübergehend am französischen und englischen Hof Eingang, wurde jedoch mit der Reformation wieder verdrängt. Bei der "Volte" drehte sich das Tanzpaar gemeinsam, schnell und eng umschlungen. Sodann sprang der Herr hoch, dabei griff er der Dame, die zu diesem Behufe ein "Blankscheit" trug, zwischen die Beine und warf sie in die Luft. "Gefänglig eingezogen werden und um 20 Gulden Strafe bestraft werden" sollten Paare, die sich beim Tanz dermaßen unzüchtig verhielten. Von den Behörden verboten, von der Kirche verteufelt und bei der besseren Gesellschaft verpönt, konnte der "Weller" bis zum 18. Jh. nur in ländlich-katholischen Kreisen tradiert werden, wo er auch unter den Namen "Ländler" oder "Dreher" nach wie vor sehr populär war. Das städische Bürgertum, um Abgrenzung von den unteren sozialen Schichten bemüht, orientierte sich derweil an den Gebräuchen des Adels und übte sich in Schreit- und Prozessionstänzen. Bei diesen höfischen Tänzen gab es im Unterschied zum Volkstanz kaum Berührungen der Tanzpartner, geschweige denn Drehungen oder Sprünge. Tanzmeister lehrten Bewegungsmuster und Körpervorschriften, deren Beherrschung zu einer formvollendeten Erziehung gehörte.

Als die Macht des Adels Ende des 18. Jhs. immer mehr bröckelte, suchte das an Bedeutung und Einfluß gewinnende Bürgertum nach Anregungen und Symbolen, um den Prozeß seiner Emanzipation von der herrschenden Schicht auszudrücken.Auf den Tanzböden der Bürger wurde nun gewalzt. Damit setzte man der hierarchischen Struktur des höfischen Menuetts ein anderes, neues Raum- und Körpergefühl entgegen. Zur Salonfähigkeit verhalf dem Walzer, daß er 1787 in Wien in der italienischen Oper "Una Cosa Rora" auf der Bühne getanzt wurde, und mit den Forderungen der französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurde er zum Inbegriff der gegen den Adel gerichteten bürgerlichen Tanzkultur. Der Wiener Kongress benutzte 1815 den Walzer dazu, auch auf der Tanzfläche den Sieg über das napoleonische Frankreich zu demonstrieren.
Die im 19. Jahrhundert entstehenden Konzertwalzer machten den Tanz überall auf der Welt populär. Auf Carl Maria von Webers Walzerzyklus "Aufforderung zum Tanz" (1819) folgten die Strauß-Walzer. Auch im Ballett, z.B. in "Schwanensee" oder "Nußknacker" war der nunmehr beliebteste Gesellschaftstanz zu sehen. Auf Staatsbällen, volkstümlichen Tanzveranstaltungen und in Tanzklubs tanzte man den Walzer, bis er um 1912 von anderen Modetänzen, vor allem dem Tango, abgelöst wurde. Am preußischen Hof zu Berlin blieb er allerdings bis 1918 verboten.
Von Amts wegen kräftig gefördert wurde der Walzer durch die Nazis, die ihn als "deutschen Tanz" den modernen Swing- und Jazztänzen entgegensetzten.

Die Unterscheidung zwischen Wiener und Langsamem Walzer traf man damals noch nicht. Die Standarisierung des "Waltz" als weiträumiger Dreh- und Bewegungstanz, wie wir ihn heute kennen, erfolgte1929 auf der "Great Conference", einer internationalen Tanzlehrertagung in London. Der schnell getanzte "Wiener Walzer" wurde erst in den 50er Jahren in das internationale Standardprogramm aufgenommen.

Daniela Magill (März 1996)